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22.08.2018

„Sie zahlen uns den Aufwand zurück“

Ein Einblick in die Jugendhilfearbeit bei
unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden

Machte sich ein Bild von der Arbeit der Jugendhilfe mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden: Landrat Peter Dreier (Mitte) im Gespräch mit den zwei Flüchtlingen Tahir und Lalzada (1. und 2. v. l.), den betreuenden Sozialpädagogen Mohammed Aldris und Maximilian Nahler und Stephan Heilmeier (3. und 4. v. l.), verantwortlicher Mitarbeiter am Kreisjugendamt im Bereich Kinder- und Jugendhilfe (rechts).

Machte sich ein Bild von der Arbeit der Jugendhilfe mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden: Landrat Peter Dreier (Mitte) im Gespräch mit den zwei Flüchtlingen Tahir und Lalzada (1. und 2. v. l.), den betreuenden Sozialpädagogen Mohammed Aldris und Maximilian Nahler und Stephan Heilmeier (3. und 4. v. l.), verantwortlicher Mitarbeiter am Kreisjugendamt im Bereich Kinder- und Jugendhilfe (rechts).

Ein Stück weit die verlorene Heimat ersetzen, den Jugendlichen helfen, sich in einem fremden Land zu orientieren und ihren Platz in einer neuen Gesellschaft zu finden: Das ist das Ziel der Jugendhilfe für minderjährige Flüchtlinge, die ohne Eltern und Familie nach Deutschland gekommen sind. Landrat Peter Dreier hat eine Einrichtung des Kreisjugendamtes besucht und sich selbst ein Bild von der Arbeit vor Ort gemacht.

Gut 85 jugendliche Flüchtlinge leben im Landkreis Landshut, fast alle von Ihnen sind junge Männer von 15 bis 20 Jahren: Sie stammen vor allem aus Afghanistan, einige aus Syrien, Irak oder Somalia. Sie sind zum Teil bereits seit mehreren Jahren in Deutschland, gehen hier zur Schule, machen ein Praktikum oder eine Ausbildung, spielen im Verein Fußball und haben Freunde gefunden.

Maximilian Nahler von MoFam Geisenhausen, einem freien Träger der Jugendhilfe, betreut als Sozialpädagoge einige der Jugendlichen: „Sie vermissen ihre Eltern, haben ihre Heimat hinter sich gelassen und teilweise Schlimmes erlebt, bis sie hier in Deutschland zur Ruhe gekommen sind. Sie suchen einfach familiäre Nähe und Sicherheit. Das versuchen wir durch eine individuelle Förderung, Hilfestellung und viele Gespräche zu bieten.“ Bei Bedarf können die Jugendlichen auch die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen. Kontakt in die Heimat besteht bei den meisten nicht mehr oder nur sehr sporadisch – die Angehörigen sind entweder schon verstorben oder nicht erreichbar, da die Infrastruktur in den Heimatländern zu großen Teilen nicht mehr funktioniert.

Viele der Gespräche und Informationen handeln von den in Europa anerkannten gesellschaftlichen Werten, Religionsfreiheit, Recht und auch von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, wie es in Deutschland durch das Grundgesetz garantiert ist. Die Asylsuchenden hätten aber schnell akzeptiert, dass in Europa generell, und insbesondere Deutschland, andere gesetzliche Vorgaben gelten. Sie empfänden die europäische Gesellschaft außerdem als „viel freier“, ein Wertekonflikt sei – wohl vor allem wegen ihres jungen Alters – eigentlich weniger der Fall. Diese Aufklärung wirkt so auch präventiv gegen eine mögliche Radikalisierung, die in manchen Unterkünften durch IS-Anhänger systematisch vorangetrieben wird.

Wichtig ist in den Augen des Landrats, dass die Flüchtlinge beschäftigt sind, die Zeit in Deutschland und die Unterstützung nutzen, um die Sprache zu lernen oder sich für eine Berufsausbildung vorzubereiten: „Langeweile ist in Verbindung mit einer unsicheren Perspektive Gift für die jungen Leute. In der Jugendhilfe können Sie sich darauf vorbereiten, ein gewinnbringender Teil unserer Gesellschaft zu werden.“ Denn wenn sie bereits in jungen Jahren Deutschland und Europa verinnerlichen, stehen die Chancen gut, dass Integration gelingen kann, meint Dreier. Die Unterstützung, die den Jugendlichen jetzt gegeben wird, werden sie als Erwachsene wieder zurückzahlen, war die einhellige Meinung der Anwesenden.

Die Kinder- und Jugendhilfe ist nicht speziell für minderjährige Asylsuchende eingeführt worden, sondern besteht seit jeher. Die inhaltlichen Schwerpunkte haben sich allerdings den jungen Flüchtlingen angepasst und verändert. Mindestens bis zum 18., längstens bis zum 21. Lebensjahr können im Bedarfsfall besondere Hilfen angeboten werden, um die Jugendlichen zu fördern und auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. 

Im Frühjahr war die Diskussion aufgekommen, dass nach Wegfall des Jugendhilfebedarfs die anerkannten Asylsuchenden – je nach Aufenthaltsstatus und dem Datum der Anerkennung – nach einer Vorgabe des damals noch zuständigen Bayerischen Sozialministeriums nicht in offene Plätze der dezentralen Asylunterbringung durch die Landkreis verbracht werden durften, wenn sie keinen eigenen Wohnraum finden konnten. Sie wurden damit zu Obdachlosen, die Gemeinden mussten sie in ihren Unterkünften unterbringen, auch wenn der Landkreis noch mehrere freie Plätze anzubieten hatte.

Nach schriftlicher Intervention bei der damaligen Sozialministerin Emilia Müller war es Landrat Dreier gelungen, die angespannte kommunale Obdachlosenunterbringung nicht zusätzlich zu belasten: Das Sozialministerium erlaubte ab dann die Unterbringung von anerkannten, ehemals unbegleiteten Minderjährigen (die zwischenzeitlich volljährig geworden sind), die nicht mehr der Jugendhilfe bedurften, in den Landkreis-Unterkünften für Asylsuchende.

(Carina Weinzierl, Pressesprecherin Landkreis Landshut)