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14.08.2019

„Die große Herausforderung der Zukunft“

Bürgermeister sehen Handlungsbedarf bei Betreuung und Unterstützung Pflegebedürftiger

 

Die Betreuung und Unterstützung pflegebedürftiger Mitbürger wird für die Kommunen im Landkreis Landshut „die große Herausforderung der Zukunft“. „Wir Bürgermeister kommen nicht umhin, uns dieser Aufgabe zu stellen“, brachte Bürgermeistersprecher Alfred Holzner unlängst die Einschätzung seiner Amtskollegen auf den Punkt. Um diese Aufgabe zu meistern, ist die Gründung eines landkreisweiten oder zumindest gemeindeübergreifenden Verbundes im Gespräch.

„Das wird in den nächsten zehn Jahren das Brennerthema“, ist sich der Further Rathauschef Andreas Horsche sicher. In seinem Impulsreferat bei der jüngsten Bürgermeisterversammlung, die nahezu ausschließlich dem Thema Pflege gewidmet war, begründete er seine Prognose mit dem demografischen Wandel.

Zum einen werde die Bevölkerung immer älter und die durchschnittliche Rentenbezugsdauer in absehbarer Zukunft doppelt so lang wie bisher sein. Zum anderen werden immer weniger Kinder und damit weniger Steuer- und Beitragszahler geboren.

Der Bedarf nimmt zu

Daraus lässt sich eine ebenso simple wie einleuchtende Rechnung aufmachen, deren Resultat „zunehmender Pflegebedarf“ lautet. Denn immer mehr Senioren müssen immer länger von immer weniger Personen gepflegt werden. Hinzu kommt, dass das „familiäre Pflegepotenzial“ tendenziell abnimmt, weil es immer weniger Großfamilien gibt, die miteinander unter einem Dach leben, und weil immer weniger Angehörige in der Lage seien, die Pflege für die eigenen Eltern oder nahe Verwandte zu übernehmen, weil sie woanders wohnen. Gleichzeitig will aber die überwiegende Mehrheit der Menschen am liebsten so lange wie möglich in der vertrauten Umgebung in den eigenen vier Wänden leben können.

Aktuell werden rund drei Viertel aller Pflegebedürftigen zuhause von ihren Angehörigen betreut, wobei sich 27 Prozent durch einen ambulanten Pflegedienst Hilfe ins Haus holen. Lediglich 23 Prozent sind in einer stationären Einrichtung untergebracht. Auch der Gesetzgeber räumt der häuslichen und ambulanten Pflege den Vorrang vor der stationären Pflege ein.

Förderung der „Sorgekultur“

Qualifizierte Pflegekräfte zu finden, ist heutzutage schon kein leichtes Unterfangen und wird in ein paar Jahren noch schwieriger werden, weil der Beruf wegen der Bezahlung und der Arbeitszeiten „zu wenig attraktiv“ ist, erläuterte Horsche. Verbessern könnte sich die Situation beispielsweise durch ein Zuwanderungsgesetz, das die Anstellung entsprechend qualifizierter Pflegekräfte aus Ländern wie Thailand, Mexiko oder Indien erleichtern würde.

Auch der Brexit könnte die Misere möglicherweise etwas lindern, weil viele osteuropäische Pflegekräfte der Insel den Rücken kehren und in Kontinentaleuropa ihre berufliche Zukunft sehen.
Dies entbindet allerdings die Kommunen nicht davon, beim Thema Pflege tätig zu werden, zumal die ambulante und stationäre Pflege Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge ist. Laut Horsche kommt es darauf an, bedarfsgerechte Versorgungsstrukturen gemäß dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ weiterzuentwickeln und zu unterstützen. Der Further Bürgermeister sprach in diesem Zusammenhang auch von der „Förderung der lokalen Sorgekultur“.

Im Verbund leichter lösbar

Ganz konkret könnten die Städte, Märkte und Gemeinden vorhandene Unterstützungsnetzwerke fördern, niederschwellige Angebote haushaltsnaher Dienstleistungen unterstützen, das Wohnen und Arbeiten für Menschen in Pflegeberufen erleichtern und auch die Pflegeträger beim Erwerb und Bau von stationären Einrichtungen unterstützen.

Der Ergoldinger Bürgermeister Andreas Strauß monierte in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Gewichtung von Kinderbetreuung und Seniorenbetreuung. Während bei der Kinderbetreuung vom Gesetzgeber alles bis ins Kleinste geregelt sei, werde die Seniorenbetreuung in erster Linie auf Ehrenamtliche abgewälzt. „Dies wird dem Thema nicht gerecht“, so Strauß. Hier müssten Strukturen geschaffen werden, um haushaltsnahe Dienstleistungen abzurunden.

Auch Bürgermeistersprecher Alfred Holzner sah die Notwendigkeit gegeben, dass sich die Kommunen bei der Beratung von Senioren und der Koordination von unterstützenden Angeboten noch besser aufstellen müssten. „Vieles ließe sich im Verbund sicher leichter bewerkstelligen“, sagte Holzner. Angesichts der veränderten Alters- und Familienstruktur sei es sinnvoll, wenn sich mehrere Gemeinden zusammentun. Der Bucher Bürgermeister Franz Göbl gab ebenfalls zu bedenken: „Wir müssen das Thema ernster nehmen“, zumal es nicht auf einmal zu lösen sei, da viele Kleinigkeiten zu berücksichtigen seien. Göbl: „Das ist ein Prozess, der über viele Jahre dauert.“   

 

„Soziale Feuerwehr“ greift im Alter ein

Nachbarschaftshilfen und Angebote zur Unterstützung im Alltag

Bürgermeisterversammlung Pflege

Seniorenbeauftragte Janine Bertram (l.) erläuterte die Leistungen der Nachbarschaftshilfen und der „Angebote zur Unterstützung im Alltag“.

Möglichst lange eigenständig, selbstbestimmt und sicher im eigenen Zuhause wohnen zu können, das wollen rund 90 Prozent aller Senioren über 65 Jahre. Gerade auch – oder besser: erst recht – bei Hilfs- und Pflegebedürftigkeit wünschen sich die allermeisten Betroffenen, weiterhin in der gewohnten Umgebung versorgt zu werden und nicht in ein Pflege- oder Seniorenheim umziehen zu müssen.

Pflegende Angehörige oder ambulante Pflegedienste helfen, diesen Wunsch zu erfüllen, damit bestehende Sozialkontakte erhalten bleiben. Jedoch können auch sie nicht alles leisten, ganz zu schweigen davon, dass vor allem pflegende Angehörige ab und zu Unterstützung und Entlastung brauchen, da sie zum Teil berufstätig sind oder sich „nebenbei“ auch noch um ihre eigene Familie kümmern müssen. Schließlich sind rund 70 Prozent der pflegenden Angehörigen Frauen.

Versorgungslücke

Diese „Versorgungslücke“ im ambulanten Bereich kann in erster Linie durch zwei Angebote geschlossen werden, wobei die Nachbarschaftshilfen nicht ausschließlich für Pflegebedürftige als Ansprechpartner in Frage kommen, sondern vielmehr für alle vorwiegend älteren Mitbürger, „die bestimmte Alltagsthemen wie Fensterputzen oder Einkaufen selbst nicht mehr leisten können“, erläuterte die Seniorenbeauftragte des Landkreises Landshut, Janine Bertram.

Als „Helfer in der Not und „soziale Feuerwehr“ bezeichnete Bertram die ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfen, die es mittlerweile in Adlkofen, Altdorf, Ergolding, Geisenhausen, Neufahrn, Velden, Vilsbiburg, Wörth und im Binatal gibt. Sie sind zumeist an eine kommunale oder kirchliche Einrichtung angegliedert und unterstützen Hilfebedürftige im Alltag durch Bring- und Abholdienste, Fahr- und Begleitdienste, Unterstützung bei Behördengängen oder durch Hilfe in Haus und Garten.

Anschubfinanzierung

Für die Gründung einer Nachbarschaftshilfe gewährt das bayerische Sozialministerium gemäß der Förderrichtlinie „Selbstbestimmt leben im Alter“ eine einmalige Anschubfinanzierung von bis zu 10 000 Euro. Die fachliche Beratung der Nachbarschaftshilfen wird von der Koordinationsstelle „Wohnen im Alter“ oder von der Seniorenbeauftragten des Landkreises geleistet. Während die Angebote der Nachbarschaftshilfen ehrenamtlich, unbürokratisch und auch nicht dauerhaft, sondern nur von Fall zu Fall erbracht werden, handelt es sich bei den „Angeboten zur Unterstützung im Alltag“ um regelmäßige Betreuungsleistungen und Entlastungsangebote, die über einen vom Zentrum Bayern Familie Soziales anerkannten Anbieter durch geschultes hauptamtliches Personal erbracht werden. Im Raum Landshut werden qualitätsgesicherte Leistungen der Betreuung und Entlastung von Wohlfahrtsverbänden, Pflegediensten oder dem Hauswirtschaftlichen Fachservice angeboten. Die Pflegekassen erstatten bis zu 125 Euro pro Monat für die Inanspruchnahme von Tages- und Nachtpflege, Kurzzeitpflege und von ambulanten Pflegediensten.  

Persönlich und wohnortnah

Individuelle Beratung und Koordination ist wichtig

Persönlich, individuell und wohnortnah: So muss laut den Wünschen vieler Betroffener eine Beratung rund um das Thema Pflege aussehen. Den Bürgermeistern des Landkreises schilderte Dr. Christine Aumer aus Furth nicht nur eine Reihe von „Best Practice“-Beispielen vorwiegend aus Bayern, sondern zeigte auch aus pflegewissenschaftlicher Perspektive auf, wie in der Region Landshut ein Netzwerk für Beratung und Koordination vor Ort etabliert werden könnte. Die jährlich anfallenden Personal- und Sachkosten dürften sich ihrer Schätzung zufolge auf rund 70 000 Euro belaufen.

Für Beratung und Koordination müsste Aumer zufolge eine examinierte Krankenschwester oder ein zertifizierter Pflegeberater mit entsprechender Berufserfahrung zur Verfügung stehen. Durch passgenaue Vernetzung könnten damit die Voraussetzungen geschaffen werden, dass Betroffene länger in ihrem Zuhause leben können und auch schwierige Familien leichter erreicht werden. Beratung, Schulung, Fallmanagement sowie die Vernetzung von Ehrenamt und Hilfesuchenden wären weitere Betätigungsfelder mit Mehrwert.

Dr. Christine Aumer studierte nach ihrer Ausbildung zur examinierten Krankenschwester Pflegemanagement in Nürnberg und arbeitete danach als Koordinatorin im ambulanten Pflegedienst in Neustadt an der Weinstraße. Im Anschluss leitete sie die Caritas-Fachstelle für pflegende Angehörige in Landshut, ehe sie als Referentin der Pflegedirektion ans Klinikum Landshut wechselte. Inzwischen ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Angewandte Gesundheitswissenschaften der Technischen Hochschule Deggendorf.

Leichter und sicher leben

Dort arbeitet sie beim Forschungsprojekt „Dein Haus 4.0“ mit, in dessen Rahmen Lösungen entwickelt werden sollen, wie durch den Einsatz modernster Technik ein vorbildliches Wohnumfeld für hilfs- und pflegebedürftige Personen geschaffen werden kann. Konkret geht es darum, Aufgaben sinnvoll an Assistenzsysteme abzugeben, die im Hintergrund unterstützend zur Seite stehen können. Für den betroffenen Personenkreis würde dies Erleichterung sowie mehr Sicherheit und Selbstbestimmung im Alltag bedeuten. Gleichzeitig wäre dies eine Entlastung von Pflegekräften und pflegenden Angehörigen.   

(Texte und Bilder: Horst Müller, Landshuter Zeitung)