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01.06.2018

Auch bei den Staren herrscht Wohnungsnot

Landschaftspflegeverband gibt 50 Star-Nistkästen aus
Ausstellung im Landratsamt

Landschaftspflegeverband gibt 50 Star-Nistkästen aus
50 Star-Nistkästen gibt der Landschaftspflegeverband (LPV) Landshut kostenlos an die ersten 50 interessierten Bürger aus den LPV-Mitgliedsgemeinden ab, die in einer kleinen Ausstellung im Foyer des Landratsamts ein Formblatt ausfüllen. Das Bild zeigt im Gespräch, von links: Dr. Burkhard Bauer (Landesbund für Vogelschutz, LBV), Landrat Peter Dreier sowie Elisabeth Heilmeier und den Naturschutz-Fachmann Helmut Naneder vom LPV Landshut.

In der Vogelwelt ist es so ähnlich wie in der Welt der Menschen. Deutschland leidet unter dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen, der Star, der „Vogel des Jahres 2018“, noch mehr unter dem Mangel an Nist-Möglichkeiten. Denn in der ausgeräumten Zivilisationslandschaft fehlen zum Beispiel alte Bäume, in deren Hohlräumen sie ihre Gelege einrichten können. Der dramatische Rückgang von Insekten(arten) raubt den Staren zudem die Nahrungsgrundlagen. Man kann höhlenbrütenden Vögeln aber auch helfen, wenn man, wie Landrat Peter Dreier, im eigenen Garten Star-Nistkästen aufstellt. 50 Stück solcher Kästen gibt der Landschaftspflege-Verband (LPV) Landshut in diesen Tagen kostenlos ab.

Man muss dazu nur seine Angaben in ein Formblatt eintragen, das im Foyer des Landratsamts in der Ausstellung aufliegt, bis einschließlich Mittwoch, 6. Juni, und dann das ausgefüllte Blatt am Empfang abgeben. Im Auftrag des Landschaftspflegeverbands Landshut werden derzeit 50 Nistkästen angefertigt, die den ersten 50 Interessenten kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Eine weitere Voraussetzung ist zu beachten: Interessenten müssen Bürger einer der Mitgliedsgemeinden des LPV Landshut sein.

Menschen, Vögel und andere Tiere haben im Grunde dieselben materiellen Grundbedürfnisse. Die beiden wichtigsten sind Nahrung und Wohnung, sagte Dr. Burkhard Bauer, Vorstandsmitglied beim Kreisverband Landshut des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), im Gespräch mit Landrat Peter Dreier sowie mit dem Naturschutz-Fachmann Helmut Naneder und seiner Kollegin Elisabeth Heilmeier vom Landschaftspflegeverband Landshut.

Auf diese Grundbedürfnisse auch der Tierwelt, vor allem aber auf die Gefährdung eines der am weitesten verbreiteten Singvögel Europas und Asiens, macht der LBV mit der kleinen Ausstellung im Landratsamt aufmerksam. Der Bestand an Staren ist in den letzten Jahrzehnten fast um die Hälfte zurückgegangen, erläuterte Dr. Bauer. Der Mensch lege im buchstäblichen ebenso wie im übertragenen Sinne Axt an die Lebensgrundlagen der Stare, aber auch der übrigen Vogelwelt und weiterer ungezählter Tierarten.

In der ausgeräumten Landschaft mit ihren landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen bleibe selten ein alter Baum stehen, Hecken und Sträucher, die Schutz und Nahrung für Vogel bieten, gebe es auch immer weniger, schilderte Dr. Bauer die Misere. Nicht recht viel anders sehe es in ungezählten Gärten um die Wohnhäuser der Menschen aus.

Auf Bürstenlänge gestutzter, monotoner Rasen dominiere, wo früher Natur, Kräutern und Pflanzen freier Wuchs gelassen wurde. Und wer habe schon noch heimische Holunder-, Liguster- oder Schneeball-Sträucher im Garten? Auch die Weidewirtschaft, die Haltung von Rindern auf Wiesen, sei massiv zurückgegangen. Früher haben die Kuhfladen Myriaden von Insekten ernährt und die wiederum zahlreiche Vogelarten, die ihnen nach oben in der Nahrungskette folgen.

Im Frühling sollten eigentlich die Felder und Wiesen vor Insekten und Vögeln wimmeln. Stattdessen bleibt es immer häufiger verdächtig still, führte Dr. Bauer aus. Selbst in seinem eigenen Garten, in dem er auf beerentragende Gehölze ebenso wie auf eine Vielfalt von heimischen Wiesenpflanzen achte, müsse er beobachten, wie massiv die Zahl der Insekten zurückgegangen ist, legte der frühere Mediziner des Achdorfer Krankenhauses dar.

Vor diesem Hintergrund schlägt der LBV derzeit mit Nachdruck Alarm. Bewusst hat der Verband einen „Allerwelts-Vogel“ (Dr. Bauer) wie den Star ausgewählt, um auf das Elend in der chemikalien-belasteten Umwelt und die Gefahr eines „stummen Frühlings“ aufmerksam zu machen. Die Ausstellung, die derzeit im Foyer des Landratsamts zu sehen ist, ist dabei vor allem für Schulen konzipiert. Der LBV wolle gerade auch die jungen Leute, die ja die Zukunft seien, erreichen mit seinen Informationen, erklärte Dr. Bauer, der dem Landrat für die Gelegenheit dankte, für das LBV-Anliegen im Landratsamts-Foyer zu werben.

Landrat Peter Dreier gab sich als Tierfreund und besonders auch als Freund der Welt der Vögel zu erkennen. Er habe schon viele verschiedene Vogelarten gehalten, aber gegenwärtig viel zu wenig Zeit für das schöne Hobby. Aber dafür biete er mit einem Nistkasten einer Staren-Familie im eigenen Garten die Möglichkeit, jedes Jahr mindestens eine weitere Staren-Generation sicher aufzuziehen.

Helmut Naneder wies darauf hin, dass im Volksmund in Bayern aus gutem Grund von „Starlkästen“ gesprochen wird, wenn man allgemein Nistkästen für Vögel jeder Art meine. Das zeige auch, dass Stare früher überaus zahlreich vorgekommen sind. Er verwies darauf, dass man mit dem Anlegen und Pflegen von artenreichen Streuobst-Wiesen – das sei eine der vielen wichtigen Aufgaben des LPV – gerade auch für viele Vogelarten Nahrungsquellen schaffe.

Naneder schilderte darüber hinaus einige Beispiele für die Intelligenz, aber auch die Originalität vieler Stare. So ahmten die Vögel gerne und mit hohem Geschick Töne nach – vom Telefon-Klingelton bis zu anderen Lauten in der Umwelt wie das Gackern von Hühnern oder das Krähen von Hähnen. Von Staren, die in Afrika überwintert haben, sei zum Beispiel bekannt, dass sie nach ihrer Ankunft in der alten Heimat die Laute von Vogelarten täuschend nachahmen, die sie in ihrem exotischen Winter-Quartier kennengelernt haben. Erst nach einiger Zeit hörten sie dann auf, mit ihren Fremdsprachen-Kenntnissen anzugeben.

Intelligenz und Originalität werden dem „Vogel des Jahrs 2018“ aber letztlich nicht helfen können, wenn seine natürlichen Lebensgrundlagen weiterhin zerstört werden. Damit hat er dann noch eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Wesen, auf das die meisten Zerstörungen zurückgehen – dem Menschen.

(Elmar Stöttner, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Landkreis Landshut)