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02.08.2018

Herausforderung für gesamte Gesellschaft

Thema Demenz: Angehörige brauchen Entlastung – Fachleute
und Kommunen gefordert

ImpulsNetzwerk Senioren - Thema Demenz
Unter dem Dach des „Impulsnetzwerks Senioren“ trafen sich Vertreter verschiedener Institutionen im Großen Sitzungssaal des Landratsamts Landshut zum Gedanken- und Meinungsaustausch zum Thema Demenz und Betreuungsangebote in der Region Landshut; rechts im Bild Petra Reif, 1. Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Landshut, eine der Referentinnen des Treffens.

Mit dem Altwerden schwinden die Kräfte der Menschen, oft auch die kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten – Diagnose: Demenz. Aber auch die Kräfte von Angehörigen, die demente Eltern oder Verwandte pflegen, werden immens gefordert – und sie sind nicht grenzenlos. Mit solchen Konstellationen wird sich die alternde Gesellschaft Deutschlands immer mehr auseinandersetzen müssen, auch die Kommunen. Das ist der Hintergrund, vor dem sich im Landratsamt Landshut Senioren-Beauftragte, Vertreter von Pflegediensten, Wohlfahrtsverbänden und Kommunen trafen. Eines wurde dabei ganz klar: Der riesigen Herausforderung stehen selbst in einem reichen, wohlgeordneten Raum wie der Region Landshut nur wenige, viel zu wenige Hilfsangebote für Betroffene und ihre Angehörigen gegenüber.

Die Brisanz des Themas machte stellvertretender Landrat Fritz Wittmann in einem Grußwort unumwunden deutlich: Er kenne fast keine Familie, die von der Krankheit Demenz nicht in irgendeiner Weise betroffen sei, führte er bei dem Treffen unter dem Dach des „Impulsnetzwerks Senioren“ der Region Landshut aus. Wie so oft, neige die Gesellschaft auch bei dieser belastenden Entwicklung dazu, sie erst einmal zu verdrängen.

Das werde angesichts der Häufigkeit der Erkrankung und ihren weitreichenden Folgen für die Lebenssituation der Betroffenen und ihrer Angehörigen nicht lange möglich sein, prognostizierte Wittmann: Das Leben beider Gruppen verändere sich von Grund auf. Demenz führe zu einer Vielzahl von Problemen, die über kurz oder lang eine Überforderung aller Beteiligten nach sich ziehe, erklärte er bei dem Austauschtreffen des „Impulsnetzwerks“, das Janine Bertram moderierte, die Senioren-Beauftragte des Landkreises Landshut.

Petra Reif, die 1. Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Landshut, erläuterte als Hauptreferentin, dass es verschiedene Arten von Demenz gebe. Die Alzheimer-Krankheit sei mit einem Anteil von rund 60 Prozent die häufigste Form. Bei den – meistens alten – Menschen, die an Demenz erkranken, schränke sich das selbständige Leben immer mehr ein, Kommunikations-Fähigkeit und Urteilskraft gingen verloren, die Wahrnehmung verändere sich dramatisch, der „fehlende Sinnesfilter“ führe zu unlogischen Handlungen.

Menschen mit Demenz seien tief verunsichert, von Angst, Scham, Trauer, Niedergeschlagenheit und Wut erfüllt – sie fühlten sich unverstanden. Um ihnen helfen zu können, müsse man sich vor Augen führen, dass „sie die gleichen Grundbedürfnisse haben wie Menschen ohne diese Krankheit“: Deshalb sei es wichtig, die Biografie der Erkrankten zu kennen; nur so könne man ihnen größtmögliche Unterstützung zukommen lassen.

Wie demenzkranken Menschen gut und kompetent geholfen werden kann, stellte Philipp Buchta dar, der Fachbereichsleiter Senioren und Pflege bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO): Tagespflege sei eine ideale Möglichkeit, solche Erkrankten tagsüber zu versorgen und ihrem Tag eine verlässliche Struktur zu geben, bis sie abends zu ihren Angehörigen zurückgebracht werden, die tagsüber ihre Berufs- oder sonstigen Aufgaben erfüllen können.
Ein neues Angebot sei die „Mobile Betreuung durch Betreuungskräfte“, die ein Mittelweg zwischen ambulanter Pflege und rein hauswirtschaftlicher Versorgung sei. Dieses Angebot der AWO sei derzeit auf die Stadt Landshut und die Gemeinde Neufahrn beschränkt.

Den Betroffenen und ihren Angehörigen zu helfen und diese häufige Krankheit zu enttabuisieren – das steht nach den Ausführungen von Naja Limmer, Leiterin des Seniorenzentrums des Netzwerks Landshut, im Mittelpunkt der Arbeit von mehreren Dutzenden von ehrenamtlichen Helfern. Das Zentrum biete regelmäßige Tanzcafés und Kulturfahrten an. 65 Ehrenamtliche umfasst der Besuchsdienst – 22 von ihnen sind speziell für Besuche zusammen mit Haustieren geschult und nehmen entsprechend überprüfte Tiere mit zu den Menschen mit Demenz. Besonders stationäre Einrichtungen forderten den „tiergestützten Besuchsdienst“ an, schilderte Limmer.

Mit der „Angehörigenhilfe Demenz“ (mit neun ehrenamtlichen, geschulten  Helfern) ist es möglich, pflegenden Angehörigen einmal pro Woche eine Entlastung zu bieten. Gerade solche Angebote, das wurde bei dem Treffen im Landratsamt deutlich, gibt es insgesamt noch viel zu wenig in der Region Landshut. Es geht dabei darum, wie es Janine Bertram auf den Punkt brachte, dass Angehörige wenigstens ein paar Stunden Zeit zur Verfügung bekommen, für Arztbesuche, um zum Frisör oder zum Einkaufen zu gehen oder einfach zu entspannen – während sie zugleich sicher sein können, dass die Menschen, die sie pflegen, in guter Obhut sind.

Klaus Lehner, Geschäftsführer des Christlichen Bildungswerks (CBW), stellte das Netzwerk „DemenzLA“ vor – einen Zusammenschluss verschiedener Organisationen mit gemeinsamen Zielen. Solche sind insbesondere: wiederholte Angebote für Erkrankte und Angehörige zu erstellen, diesen Personen zu helfen, damit sie in der Lebensführung nicht eingeschränkt werden, soweit dies möglich ist, und die breite Öffentlichkeit über Demenz zu informieren und damit unter anderem „Tabus zu beseitigen“.

Derzeit beschränkten sich die Angebote vielfach noch auf das Gebiet der Stadt Landshut, den Kern der Region. Das CBW denke freilich an „Ausweitungen in die Landkreis-Gemeinden“. Dies könne zum Beispiel über Kooperationen mit Pfarrgemeinden geschehen. Als nachahmenswerten ersten Schritt in die Richtung verwies Lehner auf die Aufführung eines Theaterstücks durch die Alzheimer-Gesellschaft, das außer in Landshut auch in Ast, Rottenburg, Velden und Vilsbiburg aufgeführt wird.

Der Maltester Hilfsdienst (MHD) baut nach den Worten von Claudia Hatton, Leiterin der MHD-Demenzdienste, seine Angebote zur Begleitung von Menschen mit Demenz und für die Entlastung ihrer Angehörigen aus. Ein Hauptaugenmerk liege beim MHD auf der stundenweisen Betreuung von Erkrankten. Auch die Beratung von Angehörigen und die Bildung von Angehörigen-Gruppen sind nach den Worten Hattons vorgesehen.

Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Betroffenen müssten stets berücksichtigt werden, führte sie aus: Das Eingehen auf die individuellen Bedürfnisse (spielen, reden, einfach da sein für Erkrankte, spazieren gehen) sei die Grundlage der Arbeit mit Demenz-Erkrankten. Von zentraler Bedeutung sei, dass die Menschen Zuwendung, Sicherheit, Empathie und Wertschätzung erfahren.

Die Senioren-Beauftragte des Landkreises, Janine Bertram, gab einen Überblick über Angebote und Einrichtungen im Landkreis, von Alten- und Pflegeheimen auch mit beschützten Stationen bis hin zu Tagespflege-Einrichtungen. Diese Tagespflege-Einrichtungen (mit Hol- und Bring-Dienst), in denen Erkrankte für einzelne Tage oder stundenweise gut versorgt untergebracht werden können, sind nach Bertrams Worten eine große Hilfe für pflegende Angehörige.

Solche und andere sogenannte „niederschwellige Angebote“ – ambulante Dienste, die stundenweise zu den Erkrankten kommen und die Pflegenden entlasten – gibt es in der Region, und überhaupt in Deutschland viel zu wenig: Das war einhelliger Tenor in den Diskussionen bei dem Treffen.

In punkto Stunden- und Tagespflege besteht der höchste Bedarf: Dies ist mit die größte Herausforderung für eine Gesellschaft mit einem stetig wachsenden Anteil an alten Menschen, eine Herausforderung, auf die die Gesellschaft eine angemessene Antwort finden muss.

(Elmar Stöttner, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Landkreis Landshut)