Wie die „Römer“ zu „Bayern“ wurden
Schlagen sich tiefgreifende Veränderungen, die mit dem Ende der römischen Herrschaft nördlich der Alpen einhergehen in den Genen der Menschen nieder? Dieser spannenden Frage ging ein internationales Team von Anthropologen, Historikern und Archäologen im Rahmen eines Forschungsprojektes anhand der Genome von 258 Bestattungen der Zeit zwischen 400 und 700 n. Chr. aus Gräberfeldern in Süd- und Westdeutschland nach. Von zentraler Bedeutung für die Untersuchungen ist das frühmittelalterliche Gräberfeld von Altheim-Andreasweg, Landkreis Landshut. Aus ihm stammt fast die Hälfte aller untersuchten Individuen. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden nun in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Untersucht wurden Genome von Bestattungen aus sogenannten Reihengräberfeldern. Dabei handelt es sich um frühmittelalterliche Friedhöfe, die ab Mitte des 5. Jahrhunderts in Süd- und Westdeutschland verbreitet waren. Insgesamt wurden die genetischen Informationen von 258 Individuen ausgewertet, davon alleine 112 aus dem frühmittelalterlichen Friedhof von Altheim.
Der bajuwarische Friedhof liegt in unmittelbarer Nähe der am heutigen Ortsrand von Altheim gelegenen St. Andreaskirche und wurde von 1989 bis 1992 untersucht. Er zählt zu den größten Reihengräberfeldern Bayerns.
Die genetischen Analysen zeigen, dass die Bevölkerung Altheims im 5. und 6. Jahrhundert keineswegs homogen war. Stattdessen trafen Menschen mit Wurzeln im gesamten europäischen Raum aufeinander – ein Erbe jahrhundertelanger Mobilität innerhalb des römischen Reiches.
Prof. Dr. Joachim Burger, Studienleiter an der Universität Mainz, erklärt: „In den ältesten Gräbern der Zeit zwischen 410 und 470 n. Chr. finden wir in Altheim fast ausschließlich Personen, deren Vorfahren bereits während der römischen Epoche aus dem Norden nach Bayern gekommen waren. Über Generationen heirateten sie innerhalb ihrer Gruppe, doch gegen Ende des 5. Jahrhunderts vermischten sie sich mit der Bevölkerung aus römischen Stadt- und Militärsiedlungen. Diese ‚Römer‘ bildeten selbst keine abgeschlossene genetische Gemeinschaft. Ihre Vorfahren stammten aus den unterschiedlichsten Teilen Europas aber auch aus Asien, viele aus dem Balkan und Nordeuropa. Sie waren in der römischen Armee oder ihrem Gefolge in die Region gekommen.“
Die rekonstruierten Stammbäume verdeutlichen, dass sich trotz erheblicher genetischer Vielfalt stabile Kernfamilien herausgebildet haben. Ehen waren monogam, und die Erbfolgerechte wurden sowohl über Töchter als auch über Söhne weitergegeben. Die genetischen Daten zeigen den Alltag eines über mehrere Generationen andauernden Transformationsprozesses, der sich auch und vor allem im zivilen Leben entwickelte: Menschen zogen als Familien, Bauern, Handwerker und Händler in die Region und nutzten die wirtschaftlichen Chancen des römischen Systems. An wechselnde politische Verhältnisse passten sie sich an, erweiterten ihre Heiratskreise, entwickelten neue Strukturen und begründeten damit die frühmittelalterliche Bevölkerungsstruktur.
Der Landrat des Landkreises Landshut, Peter Dreier zeigte sich begeistert von den Ergebnissen der Analysen: „Der Landkreis Landshut liegt im Herzen Altbayerns. Mit der Isar als zentralem Verkehrsweg zwischen Alpen und Donau und seinen fruchtbaren Böden entlang der drei Flüsse Isar, Vils und Laaber ist er eine der ältesten Siedlungsregionen Mitteleuropas. Eine Geschichte, auf die wir stolz sind! Umso mehr freut es uns, dass es den Wissenschaftlern gelungen ist, vor allem auch anhand von Funden aus unserem Landkreis der Antwort auf die Frage, wo die Ursprünge der Bayern liegen einen guten Schritt näher zu kommen!“
Dr. Thomas Richter, Kreisarchäologe des Landkreises Landshut ergänzt: „Die Kombination archäologischer Ausgrabungen mit den modernen Methoden der Genetik ermöglicht uns einen noch vor wenige Jahre undenkbaren Blick auf die Menschen der Vergangenheit und ihr Leben. Durch die Genomanalyse gelingt es uns nun erstmals zu rekonstruieren, wie nach dem Ende des römischen Reiches in unserer Region Familienstrukturen über mehrere Generationen hinweg entstanden – meist als Mischung aus Personen, deren Vorfahren aus ganz Europa kamen.“
Dass es dabei auch innerhalb des Landkreises bereits weitreichende Verwandtschaftsbeziehungen gab, zeigt die Auswertung eines Grabes aus Ergoldsbach, in dem drei gleichzeitig verstorbene Brüder gemeinsam bestattet wurden. Wie die genetischen Analysen belegen, stammte eine Frau, die im Gräberfeld von Altheim bestattet worden war, von einem dieser drei Brüder ab. Er war ihr Großvater oder Urgroßvater.
Ab dem 7. Jahrhundert nahm der Einfluss von Personen mit nördlichen Vorfahren gegenüber dem Erbe der späten römischen Bevölkerung zu, wodurch eine Bevölkerung entstand, deren genetische Zusammensetzung bereits der der heutigen Süddeutschen sehr nahekommt. Prof. Dr. Burger fasst die Gesamtbedeutung zusammen: „Lange galt das Bild von Germanen, die als eindringende Stämme das Römische Reich überrannten. Unsere Daten zeigen stattdessen, dass neue Gemeinschaften aus einer Mischung römischer Kultur, lokaler Anpassung und schrittweiser Integration entstanden.“
Die Studie erschien am 29.04.2026 in Nature unter dem Titel „Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 CE“.
Die Forschung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Tübinger Kolleg-Forschungsgruppe 2496 „Migration und Mobilität in Spätantike und Frühmittelalter“ und durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert. An der Studie beteiligt waren Wissenschaftler der Johannes Gutenberg Universität Mainz (Populationsgenetiker, Bioinformatiker, Anthropologen), der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, zahlreiche bayerische Archäologen und der Kreisarchäologie des Landkreises Landshut. Die Initiative ging von der Staatsammlung für Anthropologie in München zusammen mit Historikern der Universität Tübingen aus.